Die Ersten werden die Letzten sein

 

Die Flüchtlingsheime gehören zur Priorisierungsgruppe 2 der Corona-Impfreihenfolge. Obwohl nun schon die Priorisierungsgruppe 3 aufgerufen wird, ist von Impfungen in den Flüchtlingsheimen nichts zu merken, obwohl dies schon seit Ende Februar möglich wäre. Bisher hat die Impfung in Flüchtlingsheimen aber in keinem Bundesland begonnen, es gibt auch weitgehend noch keine Konzepte, weiß SPIEGEL-online zu berichten (11.04.2021). Lediglich ein Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern hat bisher die Impfung für Flüchtlingsheime auf eigene Initiative durchgeführt. In den übrigen Regionen Deutschlands herrscht einstweilen ein Zuständigkeitsvakuum, die verschiedenen Verwaltungsebenen warten auf das Handels der jeweils anderen. Unterm Strich heißt das, dass keiner wirklich will. Statt dessen werden Flüchtlingsheime nach wie vor zu Hot-Spots, auch kürzlich wieder in Langenfeld.

 

Die hohe Priorisierung von Sammelunterkünften war ein Reflex auf die Zustände in Wohnheimen von Schlachthofarbeitern und saisonalen Erntehelfern. Es ging dabei darum, Personengruppen zu schützen, die auf engem Raum zusammen leben müssen. Die Flüchtlinge sind hierbei genauso zwangskaserniert wie Schlachter aus Rumänien, wenngleich von anderen Stellen initiiert. Das Robert-Koch-Institut warnte frühzeitig vor diesem unschwer zu erkennenden Hot-Spot-Potential, wenngleich Untersuchungen des RKI im letzten Jahr weniger Massenausbrüche in Flüchtlingsheimen verzeichnete als z.B. in Altenheimen.

 

Nun ist die beengte Unterbringung ein Merkmal der aktuellen Flüchtlingspolitik, die unmenschlichen Lebensbedingungen eine pädagogische Maßnahme zur Abschreckung und Abweisung von Asylsuchenden. Auch in Bayern hat man erkannt, dass die sog. „Ankerzentren“, die eigentlich der systematischen Abschiebung dienlich sein sollten, in Pandemiezeiten doch eher kontraproduktiv sind. Die Abschottung der Menschen führt zudem dazu, dass auch in solchen Einrichtungen Mythenbildung und Impfskepsis um sich greifen.

 

Dass bei der Kategorisierung der priorisierten Objekte auch Flüchtlingsheime einbegriffen waren, wurde vermutlich zunächst nicht registriert. In der Politik herrscht der Aktionismus über Reflexion und Transparenz. Die frühe Impfung von Flüchtlingen könnte unschwer ein Politikum werden, zumindest auf den rechtspopulistischen Agitationsplattformen. Sobald dann die Bild-Zeitung aufgesprungen ist, sehen sich schon wieder viele Politiker in Erklärungsnot. Obwohl sich die Rechtspopulisten ja aktuell bei den Corona-Leugnern und Impfgegnern eingereiht haben, es ihnen also völlig Schnuppe sein kann, ob Flüchtlinge geimpft werden oder nicht, werden sie natürlich bei diesem Thema wieder akkurat die Pferde wechseln und Sturm laufen geben eine vermeintliche Bevorzugung der „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Sozialschmarotzer“. Zumindest dem Politiker, der sich eher auf der rechten Seite der politischen Isobarenkarte befindet, dürfte es schwer fallen zu erklären, warum der Flüchtling geimpft in seinem Heim sitzt, während der aufrechte Deutschnationale nach wie vor ungeschützt den Brandbeschleuniger vor dem Flüchtlingsheim ausschütten muss.

 

Dass Politiker immer wieder vor vermeintlich aus dem „besorgten Bürgertum“ kommenden Bedenken gegen die Flüchtlingspolitik einknicken, haben wir in unseren Blogbeiträgen seit Jahren thematisiert. Durch die Auswüchse der sog. „Querdenker“ sind zwar einige geläutert worden und erkennen nun den lupenreinen Rechtspopulismus hinter der bürgerlichen Fassade, der Reflex, bei Flüchtlingen Vorsicht walten zu lassen, regt sich aber nach wie vor in umfänglichem Maße. Wir dürfen also gespannt sein, wann der Flüchtling die Spritze im Oberarm zu spüren bekommen wird.

Frank Schöler